by Simon Röthlisberger

Simon Röthlisberger
Die Initiative „Gegen den Bau von Minaretten“ will die Ausbreitung und die Sichtbarkeit des Islams unterbinden. Dabei verkennen die rechtskonservativen und evangelikalen Kreise, dass Menschen muslimischer Religion sehr oft schon seit Jahrzehnten hier leben und arbeiten. Sie sind Teil der Gesellschaft. Übrigens sind viele Schweizer Bürgerinnen und Bürger und damit nicht einmal mehr „Ausländer“. Die Frage ist also, wie die Schweiz mit ihrer multireligiösen Wirklichkeit umgeht.
Die Minarettinitiative ist Ausdruck einer doppelten Diskriminierung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe: Die Mehrheit der Musliminnen und Muslime in der Schweiz kommt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Und es sind genau diese Einwanderer, die seit Jahren mit Vorurteilen konfrontiert werden. Die Initiative ist ein weiterer Akt der Diskriminierung, der das Gegenteil von Integration bewirkt.
Weshalb hat die Sichtbarkeit muslimischer Glaubensgemeinschaften Einfluss auf die Integration ihrer Mitglieder in der Schweiz? Wer einer Gemeinschaft angehört, die möglichst unsichtbar bleiben muss, der kann sich unmöglich akzeptiert fühlen. Wer nicht akzeptiert wird, kann sich nicht als Teil der Gesellschaft begreifen. Und wer nicht Teil der Gesellschaft ist, ist nicht integriert.
Religionsgemeinschaften sind einerseits Orte, wo Glaube gelebt wird, andererseits bieten sie ihren Mitgliedern die Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen. Solche Netzwerke sind essenziell, um das Leben in der Fremde zu organisieren und beispielsweise Arbeit oder eine Wohnung zu finden.
Religionsgemeinschaften haben also einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen. Zur Stärkung dieser integrativen Funktion müsste der rechtliche Schutz islamischer Gemeinschaften erweitert werden. Berechtigt ist deshalb die Forderung islamischer Gemeinschaften im Kanton Luzern, eine öffentlich-rechtliche Anerkennung durch den Staat zu erlangen. Je nach Kanton sind auch andere Formen der staatlichen Anerkennung denkbar. Dadurch werden die zivilgesellschaftliche Einbettung, die Transparenz und die demokratischen Funktionsweisen gefördert.
Die Debatte über die öffentliche Anerkennung von weiteren Religionsgemeinschaften als die Landeskirchen steht erst am Anfang. Die Minarettinitiative zielt hingegen komplett in die Gegenrichtung: Anstatt der Integration wird die Desintegration muslimischer Glaubensgemeinschaften und ihrer Mitglieder als Prinzip in der Bundesverfassung angestrebt. Solche Ausschlussprozesse einer auch zahlenmässig bedeutenden Bevölkerungsgruppe haben negative Auswirkungen auf den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft.