Eine fremde Welt im eigenen Quartier

Wer sind die Juden in Zürich? Der Rundgang «The Jewish Mile» durch Wiedikon, die Enge und Wollishofen bringt Teilnehmern den jüdischen Alltag in Zürich näher.

Gummibärchen mit Fisch-Gelatine, koschere Joghurts und Küchenutensilien in drei Farben – im Supermarkt Koscher City in Wiedikon sind mir fast alle Produkte fremd. Obwohl das Geschäft näher bei meinem Zuhause liegt als der nächste Coop, war ich noch nie drin. Zu meinem ersten Besuch kommt es in Begleitung von Ralph Weingarten, Historiker, und Michel Bollag, Fachleiter Judentum des Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog (siehe Kasten rechts). Sie leiten die Führung «The Jewish Mile», die den Teilnehmern den jüdischen Alltag in Zürich näherbringt.Ich möchte meine Nachbarn besser kennen lernen, die einheitlich dunkel gekleidet mit hohen Pelzhüten oder Perücken und mit auffällig vielen Kindern an meiner Haustür vorbeigehen. Bald lerne ich, dass sie zur ultra-orthodoxen Gemeinde Agudas Achim gehören und sich selber als charedisch bezeichnen. Ihre Synagoge steht an der Ecke Erikastrasse/Weststrasse. Dort bleibt unser Grüppchen stehen, während Ralph Weingarten die jüdischen Speisegesetze erklärt: Koscher sind nur Säugetiere, die Wiederkäuer sind mit gespaltenen Hufen, weshalb Schweine – und damit gewöhnliche Gelatine-Gummibärchen – tabu sind. Milch- und Fleischspeisen dürfen nicht zusammen zubereitet werden. Deshalb haben jüdische Familien alle Küchenutensilien doppelt. Zur Unterscheidung dienen die Farben.

Frauen sitzen in der Synagoge separat

Hinter Weingartens Rücken ist ein Kommen und Gehen. Frauen in weiten Oberteilen und Röcken kommen aus dem Koscher City. Männer mit Schläfenlocken und langen Mänteln gehen in die Synagoge hinein. Neben dem Gebetsraum gibt es eine Bibliothek und Gemeinderäume. Während den Gebetszeiten dürfen Frauen die Synagoge nur durch einen Seiteneingang betreten und drinnen sitzen sie separat. Kontakt zu meinen Nachbarn gibt es keinen.

«Diese Furcht vor Unbekanntem ist ihr ständiger Begleiter» Michel Bollag, Fachleiter Judentum des Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog

Auf der Strasse senken die Männer den Blick. Frauen und Kinder sind in Gruppen unterwegs und bleiben auch auf dem Spielplatz für sich. «Diese Furcht vor Unbekanntem ist ihr ständiger Begleiter», sagt Michel Bollag, der selber Mitglied der Israelitischen Cultusgemeinde ist (ICZ, siehe Kasten links). Viele der strenggläubigen Männer widmen sich primär dem Thora-Studium, das im Judentum generell einen hohen Stellenwert hat. Im charedischen Judentum wird es laut Bollag aber als Mittel zum Selbsterhalt instrumentalisiert, als Abgrenzung gegen alles Weltliche.

Damit die Sabbatruhe eingehalten werden kann, wohnen die meisten Gemeindemitglieder in Gehdistanz zur Synagoge. Dort befinden sich auch Schulen und Geschäfte wie Kol Tuv, die einzige koschere Metzgerei der Stadt an der Aemtlerstrasse. Das Fleisch wird importiert, da Schächten von Säugetieren in der Schweiz verboten ist. Trotz kurzer Distanzen sind die Kinder und viele Männer mit dem Trottinett oder dem Velo unterwegs. «Die vielen religiösen Rituale im strikten Tagesablauf führen dazu, dass sie oft gehetzt sind», sagt Michel Bollag. «So kommen sie auch nicht dazu, ihre Lebensweise zu hinterfragen.»

Kaum Zeit zum Arbeiten

Mit der frühen Heirat (mit 22 Jahren gilt man langsam als schwer vermittelbar) und dem Fokus auf das Thora-Studium, respektive der Betreuung der zahlreichen Kinder bleibt vielen Familien kaum Zeit, für ihren Unterhalt aufzukommen. So steigt die Zahl der Ultra-orthodoxen, die von der Sozialhilfe abhängig sind, wie Ergebnisse einer Nationalfondsstudie zeigen. «Das ist ein Problem», sagt Bollag. Aber es gebe Bestrebungen aus der Abhängigkeit herauszukommen. So absolvieren auch manche strenggläubigen Juden Berufslehren – allerdings im Ausland, wo sie niemand kennt. «Zudem ist die Solidarität in der Gemeinschaft sehr gross.», sagt Bollag. «Wenn jemand zu Geld kommt, unterstützt er die weniger bemittelten Mitglieder.»

Mit dem finanziellen Wohlstand orientierten sich viele auch über die Grenzen der Gemeinschaft hinaus und unterwerfen sich weniger dem Druck und den hohen Ansprüchen. Dennoch seien nicht Austritte aus der Gemeinschaft der Grund, weshalb die Zahl der Juden in Zürich stagniert, sondern eher die Assimilation und die Auswanderung. Juden verstehen sich als kosmopolitische Gemeinschaft, weshalb im ultra-orthodoxen Judentum Schweizer Frauen oft an Männer in Belgien, Frankreich, den USA oder Israel vermittelt werden und umgekehrt. So hört man in Wiedikon und der Enge Französisch, Englisch und Jiddisch. An einem Samstagmorgen denken vielleicht manche, im Quartier lebten fast nur Juden. Der Eindruck täuscht aber gewaltig: Lediglich 6000 Juden leben in Zürich, und die meisten fallen nicht auf im Strassenbild. So wie Michel Bollag selbst, der als Zeichen der Demut lediglich eine Kippa auf dem Kopf trägt.

«Es ist kompliziert…»

Der Bus bringt uns zum Gebetsraum Minjan Wollishofen den Bollag nutzt. Um die Tür des unscheinbaren Hauses zu öffnen, braucht es neben einem Schlüssel einen Zahlencode. Die Überwachungskamera registriert alles. Im Gebetsraum stehen in einem Holzschrank mehrere Thora-Rollen, die den Juden heilig sind. Nicht nur Rabbiner, sonder jeder kann daraus vorlesen, vorausgesetzt, er ist männlich. «Meine Enkelin in Israel lernt im Hinblick auf ihre Bat-Mizwa auch aus der Thora zu lesen», erzählt Bollag. «In unserem Gebetsraum ist das noch undenkbar.» Wie jüdisch gelebt, gebetet, gefeiert werden soll, sei ständig Gegenstand von Debatten, sagt Bollag und erzählt einen Witz: Im Militär werden die Rekruten nach ihrer Religion gefragt: Huber aus der Innerschweiz sagt sofort: «Ich bin katholisch», Müller aus Zürich sagt: «reformiert». Nur der jüdische Dreifuss druckst herum: «Ach wissen Sie, es ist kompliziert…»

«Man gewöhnt sich an die Sicherheitsvorkehrungen» Michel Bollag, Fachleiter Judentum des Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog

Dann ist es Zeit für einen Imbiss im Koscher Bagel an der Bederstrasse. Mit einem Eier-Bagel in der Hand schau ich mich um. Auf der anderen Strassenseite fallen mir Geschäfte auf, die ich nie wahrgenommen habe: Ein Porzellanladen und ein Kleidergeschäft. Beide haben Überwachungskameras am Eingang. Die Sicherheitsvorkehrungen seien in den 1970er Jahren installiert worden als es in Europa Attentate auf israelische und jüdische Einrichtungen gab, sagt Bollag. Seit 09/11 und den Anschlägen in Paris und Brüssel in den vergangenen Monaten, wurden sie verstärkt. Gewisse Schulen haben Sicherheitsschleusen. «Man gewöhnt sich daran», sagt Bollag. Und niemand hinterfrage die Notwendigkeit: Erst 2001 wurde ein Rabbiner, der in Zürich zu Besuch war, auf offener Strasse erschossen.

Gebete können abgeändert werden

Auch bei der Jüdisch Liberalen Gemeinde (JLG) an der Hallwylstrasse werden wir am Eingang vom Sicherheitsdienst empfangen: «Keine Fotos vor und in der Synagoge bitte.» Es ist kein Zufall, dass der Rundgang Eintritt erhält in die Synagoge der liberalen Gemeinde. Sie gehört dem progressiven Judentum an. So sitzen Frauen und Männer zusammen, im Gottesdienst wird Musik gespielt und Gebete, mit denen man sich heute nicht mehr identifizieren kann, werden abgeändert.

Rabbi Ruven Bar Ephraim spricht von drei Wegen, die das Judentum nach der Schoah gehen konnte: Die Assimilation derjenigen, die keine jüdische Identität mehr haben, die Integration, die ICZ und JLG anstreben, und die Separation von der Gesellschaft. Dies ist der Weg, den die ultra-orthodoxen Gemeinden gewählt haben. Es ist also das Ziel meiner Nachbarn, ein Rätsel für mich zu bleiben. (Zürcher Regionalzeitungen)

Source: landbote.ch/

Email this to someonePrint this pageShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedIn

Leave a Reply